299: «Der Bund», 16. 7. 2021

Mit Buchstaben Schwarz oder weiss malen

«Als Schwarze Sängerin sehe ich schon noch einiges, das nicht gut ist», sagte die Mezzosopranistin Katia Ledoux über – trotz Besserung – verbleibende Diskriminierungen in der Opernwelt. Und die Tamedia-Journalistin präzisierte: «Das ‹Schwarz› formuliert sie mit grossem S, als Ausdruck einer politischen Haltung, mit der sie sich auch für die Black Opera Alliance engagiert.» Diese Allianz wolle «Gleichberechtigung von People of Color in allen Bereichen des Opernbetriebs». Nach einer Zusammenstellung im Magazin von Amnesty International sind sowohl das grossgeschriebene «Schwarz» als auch «People of Color (PoC)» Selbstbeschreibungen von «Menschen, die von Rassismus betroffen sind».

Als Gegenbegriff wird gemäss Amnesty weiss verwendet, kursiv und kleingeschrieben: «keine biologische Eigenschaft, sondern eine politische und soziale Position, die mit Privilegien und Dominanz verbunden ist». Einfacher formuliert es das Netzwerk Black She in seinem Glossar: «Als weisse Menschen bezeichnen wir jene, die nicht von Rassismus betroffen sind.» Anders als Schwarz oder PoC ist demnach weiss keine Selbstbeschreibung, sondern eine Fremdbeschreibung durch Menschen, die sich nicht so sehen. Im landläufigen Sinn weisse Hautfarbe schützt aber durchaus nicht immer vor rassistischer Diskriminierung – das wissen zum Beispiel Juden nur allzu gut.

Mit Hautfarbe hat all das nur insofern zu tun, als Leute, die andere diskriminieren, dies unter anderem eben wegen der Pigmentierung tun: Sie «rassifizieren» sie, wie die Netzwerk-Aktivistin Rahel El-Maawi in einer «Sprachlupe» schon einmal zitiert wurde. Im Black-She-Glossar heisst es dazu: «Rassifizierung … bezeichnet einen Prozess und eine Struktur, in denen Menschen nach rassistischen Merkmalen (Aussehen, Lebensformen oder imaginäre Merkmale) kategorisiert, stereotypisiert und hierarchisiert werden.» Das würde auch auf jene weissen Menschen zutreffen, die andere diskriminieren; El-Maawi nennt indessen im zitierten Text nur jene rassifiziert, die «struktureller, institutioneller und individueller rassistischer Gewalt ausgesetzt» sind.

Man sieht: Es wird kompliziert – wie immer, wenn es um Identitäten geht, denn das sind «konstruierte Kategorien, die reale Effekte haben». Was im Glossar über Rassifizierung steht, gilt auch für alle andern Kategorien, denen Menschen sich selber zuteilen oder von anderen zugeteilt werden. Eine zusätzliche Komplika­tion: Nicht alle, die von Aktivisten einer bestimmten Selbst­beschreibung zugeordnet werden, sehen das selber so. Das gilt auch für Fremdzuschreibungen: Man kann z.B. weiss, weiss oder «weiss» sein, ohne das als Teil der eigenen Identität anzusehen.

Mit den Schreibweisen auszudrücken, wie ein bestimmter Ausdruck gemeint ist, trägt nur dann zur Klärung bei, wenn die Definition gleich mitgeliefert wird. Der Versuch, mit typografischen Besonderheiten den allgemeinen Sprachgebrauch anzureichern, übergeht Regeln und überlädt das Fuder. Sogar wenn die Sprachregelung verstanden wird, ist die beabsichtigte erzieherische Wirkung fraglich: «Man kann auch jemandem korrekt sagen, er sei eine Schwarze Person, und es im Ton doch abwertend meinen», gab die dunkelhäutige Bündner Gemeindepräsidentin Gabriella Binkert der «SonntagsZeitung» zu bedenken.

Bevor man einen anerkennenden, neutralen oder abwertenden Ton in «Schwarze Person» legt, müsste man freilich wissen, wie man das grosse S überhaupt ausspricht. Eine Anleitung habe ich noch nicht gefunden. Soll man «Sch» länger als üblich ausdehnen oder es stimmhaft summen, ähnlich wie im französischen «Jules» und «George»? Die Sängerin Ledoux verfügt sicher über eine passende Intonation, aber vermutlich hat sie einfach nachgeschoben, sie meine das S gross. Und wie sagt man «weisse Person»? Statt den Mund schrägzuziehen, liest man besser «Einblick: Rassismus in Lehrmitteln». Diese Broschüre zeigt – nebst der eigenwilligen Schreibweise – bedenkliches Schulmaterial.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)