296: «Der Bund», 4.6.2021

Fehlt Wissenschaftern in der Schweiz ein l?

Was für eine Zeitenwende das Jahr 2000 bedeutete, wird erst im Rückblick so richtig klar: im Rückblick auf die Statistik der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Denn es war das erste Jahr, in dem die erfassten Publikationen häufiger «Wissenschaftler» schrieben als «Wissenschafter». Ob die weiblichen Formen mitgezählt sind, ändert nichts an diesem Befund, und es geht hier auch nicht ums -in, sondern ums l. Was aber soll es mit einer Zeitenwende zu tun haben, wenn die Endung -ler die Nase vorn hat?

Für sich allein noch gar nichts, aber diese kleine Verschiebung ist ein Symptom: ein Symptom dafür, dass viele Eigenheiten des schweizerischen Hochdeutsch auf dem Rückzug sind. Es geht dabei nicht um die Dialekte, sondern darum, dass Deutsch eine Sprache mit mehreren Varietäten ist, wie Wissenschafter sagen. Diese Auffassung hat sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt, gegen frühere Ansprüche, die Wissenschaft könne ein einziges, fürs ganze Sprachgebiet allein richtiges Deutsch ermitteln und festlegen. Besonders für Österreich und die Schweiz wurden nun je die Besonderheiten im tatsächlichen Sprachgebrauch erfasst und fanden auch Eingang in den Duden.

Zudem erschien im Dudenverlag 1989 erstmals ein Spezialband «Wie sagt man in der Schweiz?», 2006 als «Schweizer Wörterbuch» bei Huber neu aufgelegt. Darin steht «Wissenschafter» als hiesige Normalform mit dem Vermerk, seltener komme sie auch in Österreich vor, anderswo sei sie veraltet. Im allgemeinen Duden steht das Wort schon lange als schweizerisch-österreichische Nebenform zu «Wissenschaftler». Das «Variantenwörterbuch des Deutschen» befand aber 2004, in beiden Ländern sei die kürzere Form seltener als die «gemeindeutsche» mit l. In der Neuauflage von 2016 heisst es das nur noch für die Schweiz.

In Österreich führte «Wissenschafter» gegenüber «Wissenschaftler» laut dem Blog der Uni Wien 2013 noch im Verhältnis 2:1. Allgemein dürfte in unserem östlichen Nachbarland das Bewusstsein stärker verankert sein, dass dort eine eigene Varietät des Deutschen die nationale Norm ist. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird in Österreich auch oft die Klage laut, Sprachformen aus Deutschland seien auf dem Vormarsch. In der Schweiz gelten solche Formen bei vielen als «richtiger», denn damit entfällt der Zweifel, ob ein hier gebräuchliches Wort fürs Schriftdeutsch tauge oder allein Dialekt sei. Meistens hilft da ein Blick in den heutigen kleinen Dudenband «Schweizerhochdeutsch».

In meinen Ohren klingt «Wissenschafter» seriöser, vielleicht auch deshalb, weil in der Mundart oft (leicht) spöttische Bezeichnungen auf -(e)ler enden: Stündeler, Hündeler, Gümmeler. Freilich gibt es auch in Deutschland Heuchler, Frömmler und Schmeichler. Daneben indes die ehrbaren Tischler, die bei uns Schreiner heissen und ohne l auskommen. Erstere machen manchmal Urlaub, Letztere Ferien – aber auch in meinem Leibblatt habe ich neulich von einer hiesigen «Wissenschaftlerin» gelesen, die wegen Corona auf den «Sommerurlaub» verzichten musste. Hätte sie fliegen können, hätte sie bei der Swiss «Pralinen» bekommen, Lufthansa sei Dank. Aber auch ein ganz schweizerischer Hofladen meint, seinen Spargel anbieten zu müssen statt seine Spargeln.

Letztes Jahr waren die Wissenschaftler in Schweizer Medien schon in dreifacher Überzahl, 1990 waren sie noch nicht einmal halb so oft anzutreffen gewesen wie die (als Wort) einheimischen Wissenschafter. Bei den – damals insgesamt seltenen – weib­lichen Formen war die in Deutschland übliche Endung -lerin allerdings bereits klar im Vorteil. So willkommen die Einwanderung hochgebildeter Personen beliebigen Geschlechts ist noch willkommener sind sie, wenn sie hierzulande auf das l in der Bezeichnung verzichten und so dazu beitragen, die sprachliche Vielfalt innerhalb des Hochdeutschen zu erhalten. Es wäre ein Jammer, wenn diese Vielfalt, kaum ist sie wissenschaftlich etabliert, der Verflechtung und Verflachung zum Opfer fiele.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)